Egglers Digitaltherapie

«Handys sind Dopamindealer und Datenbagger»

Haben Sie auch schon Ihr Handy klingeln gehört - ohne dass es wirklich klingelte? Hand aufs Display: Wer hat hier wen im Griff? Digitaltherapeutin Anitra Eggler erklärt, warum Smartphones süchtig machen und wieso uns die Dauerablenkung in den Wahnsinn treibt.

Was hilft gegen Smartphonesucht? Kontrollfreakfunktionen entschärfen, Killerapplikationen smart konfigurieren und sich für eine produktive Offtime mit digitalen Bäumen belohnen. Mehr Soforthilfetipps verrät Anitra Eggler im Erste-Hilfe-Video.

Jedes Smartphone ist nur so smart wie sein Besitzer. In dieser schlichten Erkenntnis steckt Fluch und Segen. Hand aufs Display: Haben Sie Ihr Handy im Griff – oder Ihr Handy Sie? Machen wir einen Test: Um diese Frage beantworten zu können, müssen Sie Ihr Handy weglegen. Jetzt. Ausser Sichtweite bitte. Schaffen Sie das? Gut. Bei Ihnen scheint smart nicht nur im Phone vorhanden zu sein. Härtefälle können sich auch draufsetzen. Schalten Sie vorher bitte den Vibrationsalarm aus.

Geschafft. Sehen Sie, schon sind Sie mitten im Text. Ihr Handy ist für ein paar Minuten nicht überlebenswichtig. Geht doch. Atmen Sie ruhig weiter. Die Welt wird nicht untergehen, nur weil Sie fünf Minuten lang Ihre Standleitung zur Wetter-App kappen. Am Textende bekommen Sie den nächsten Klick und können Ihre digitale Dopaminsucht in gewohnter Flatratefrequenz mit Videos befriedigen. Das ist Teil der Therapie. Lassen Sie uns vorher noch kurz über Smartphonesucht sprechen.

Die Smartphonesucht ist inzwischen so offensichtlich, dass man sie nicht mehr verharmlosen kann. Warum sieht keiner hin? Weil alle mit ihren Augen am Handybildschirm kleben.

Smartphone … was?!? Smartphonesucht. #notsorry. Ich habe selbst lange gebraucht, um das böse Suchtwort zu akzeptieren. Seit 2009 lese ich jede relevante Studie zum Thema. Anfangs nannte ich die Nebenwirkungen hirnbefreiter Handynutzung «Handyhysterie». Später dann «Sklavenphonitis». Seit 2017 spreche ich von «Smartphonesucht» und zitiere keine Studien mehr. Warum? Weil ein Blick in die nächste Umgebung reicht: Die Smartphonesucht ist inzwischen so offensichtlich, dass man sie nicht mehr verharmlosen kann. Warum sieht keiner hin? Weil alle mit ihren Augen am Handybildschirm kleben.

Was Smartphones mit Ihnen und Ihrem Hirn anstellen

Wenn Menschen mit ernst zu nehmendem Jahresgehalt in Meetings ans Handy gehen, um zu sagen, dass sie nicht (nicht!) drangehen können, dann ist das eine Folge der durch Dauerablenkung verursachten Dopaminsucht unseres armen Hirns. Oder, ganz simpel: sozial tolerierte menschliche Dummheit, die sich masslos entfaltet, sobald sie es kann. Wenn Politiker während zukunftsentscheidender Debatten auf ihre Handys starren als gäbe es dort die ewige Wiederwahl gratis und dann bei Abstimmungen geistesabwesend den Arm heben, dann ist das alarmierend. Wenn Frischverliebte gemeinsam einsam auf ihre Handys stieren, statt an der Geburtenrate zu arbeiten, dann kostet das eines Tages die Rente. Wenn Mütter trotz Hand am Kinderwagen ihre Handys mehr beachten als den Strassenverkehr, dann ist das: Sucht. Brauchen Sie jetzt noch eine Studie? Ich nicht. Mir reicht das. Und wie!

Smartphones sind die mächtigsten Dopamin-Dealer und Ego-Booster, die es gibt. Genau deshalb ist inzwischen auch alle Welt derart angefixt.

Warum machen Smartphones süchtig? Mehr noch, warum machen Smartphones so süchtig wie Alkohol, Zigaretten, Glücksspiel, Liebe und Sex zusammen? Einfach erklärt: Weil sie alle Suchttrigger in einem Gerät vereinen und ständig verfügbar sind. Nie war es einfacher, jede Art von Trieb sofort, weitgehend barrierefrei und ungeahndet zu befriedigen. Stichwort: Porno gucken am Arbeitsplatz. Das wäre noch vor zwanzig Jahren unmöglich gewesen.

Genauso unmöglich wie, dass jeder Mensch heutzutage rund um die Uhr via Mail oder – die Endstufe – via WhatsApp eine Standleitung ins Private und ins Berufliche betreibt, ohne den WhatsApp-Gruppenchat in Nanosekunden vereinsamt oder sich arbeitsunfähig fühlt. Klingt irr. Ist ganz normal. Viele Menschen sind sogar stolz auf ihre Dauerablenkung und halten ständige Erreichbarkeit für alles Unwichtige für Avantgarde, allen voran: digitale Immigranten 50plus.

Erschwerend kommt hinzu: Durch die hohe Frequenz an Aufmerksamkeitsreizen, die das Handy, das ständig vibriert oder blinkt, fast pausenlos liefert, wird unser Belohnungszentrum daueraktiviert. Und ständig belohnt. Neue Nachricht? Alarm im Belohnungszentrum! Dopaminausschüttung. Eigentlich keine Zeit, aber, was wäre, wenn das was Schlimmes wäre? Schnell mal nachgucken! Nur zur Sicherheit. Ach nur ein Scheisshäufchen-Emoji. Doof. Egal. Der Thrillereffekt – nicht wissen, ob sich hinter einem Aufmerksamkeitsreiz etwas Schönes oder Schreckliches verbirgt – ist erstmal befriedigt. Endorphin- ausschüttung ist die Folge. Ahhhhhhhh, fühlt sich guuuuuuut an, bitte mehr davon … Smartphones sind die mächtigsten Dopamindealer und Ego-Booster, die es gibt. Genau deshalb ist inzwischen auch alle Welt derart angefixt.

Illustrationen: Corina Vögele

Von eingebildetem Vibrationsalarm und sinnvollem Surfen

Woran erkennen Sie Smartphonesucht? Daran: Smartphonesucht ist die psychische, physische und eingebildete 24/7-Abhängigkeit von Mobiltelefonen, Netzempfang, 3G, 4G, LTE, WLAN. Das Handy wird als lebenswichtiges Organ empfunden und deshalb über hundertmal am Tag «gecheckt». Betroffene leiden unter Ringxiety: Ihr Hirn schüttet bei jedem noch so unnötigen oder gar unsichtbaren Reiz – z. B. Handy macht ausnahmsweise mal gar nichts – so viel glücksspendendes Dopamin aus, dass sie danach süchtig werden und in kürzester Zeit ein «iIch» entwickeln. In der Folge leiden sie unter Realitätsverlust und fotografieren sich und ihre Umgebung deshalb ständig selbst, gerne unter Zuhilfenahme eines Deppenzepters, das sie Selfiestick nennen. So mutieren sie öffentlich zum Smartphonezombie und fristen ihr Leben als sozial Untote in sklavischer Abhängigkeit eines Kleingeräts, das ihre Daten sammelt, mit Dopamin dealt und Daueraufmerksamkeit fordert.

Härtefälle leiden unter eingebildetem Vibrationsalarm, klagen über «Handynacken» und «iFinger». Besonders lebenszeitraubend: Smartphonesucht ist Auslöser der WCitis – Smartphonesuchtis verbringen im Schnitt 39,6 Minuten länger auf dem Klo als Menschen ohne Handy. Smartphonesucht wurde früher auch als «Telefonieren» bezeichnet, von Mobilfunkdealern als «grenzenlose Freiheit» verkauft und von Arbeitgebern durch die Forderung ständiger Erreichbarkeit erfolgreich ausgebeutet. Alarmierend: Immer mehr Menschen erkranken freiwillig und versklaven sich selbst.

Was können Sie dagegen tun? Am besten, Sie befriedigen Ihre digitale Dopaminsucht mit sinnvollem Surfen und gönnen sich ein paar Soforthilfetipps gegen Smartphonesucht, an führenden Handyzombies erfolgserprobt.

Anitra Eggler startete ihre Kommunikationskarriere 1992 als Todesanzeigentexterin in Buenos Aires. Heute ist die Karlsruherin Bestsellerautorin und eine der erfolgreichsten Vortragsrednerinnen im deutschsprachigen Raum. Bevor sie die Bühnen als «Digitaltherapeutin» und den Buchmarkt mit provokanten Titeln wie «E-Mail macht dumm, krank und arm» eroberte, war sie 13 24/7-Arbeitsjahre als Managerin von Medien- und Marketing-Start-ups in der Internetbranche erfolgreich.

anitra-eggler.com

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