Über Likes als Egodroge

Sprachnavigation

Digitaltherapie mit Anitra Eggler Anitra Eggler über Likes als Egodroge

Social Media liefern Aufmerksamkeit, Bestätigung und das Gefühl von Liebe. Unerwünschter Nebeneffekt bei überhöhter Nutzung: Das Gefühl von Privatheit schwindet, ebenso die Effizienz am Arbeitsplatz und im schlimmsten Fall verbringt man mehr Zeit mit Facebook als mit dem Partner. Anitra Eggler bringts auf den Punkt, wie Sie Ihr tatsächliches Leben bestimmt nicht verpassen.

Wie Sie durch smartes Social-Media-Fasten Lebenszeit gewinnen, Arbeitsstress verringern und ganz nebenbei wertvolles Wissen tanken, erfahren Sie im Erste-Hilfe-Video.

Verfolgen Sie heimlich das perfekte Leben Ihrer Ex-Freunde auf Facebook? Habe ich mir abgewöhnt. Macht unglücklich. Ich stalke inzwischen lieber Stars auf Instagram, Heidi Klum zum Beispiel. Ihr Liebesleben beruhigt mich. Die Kommentare, die sie dafür erntet, sagen mehr über unser gesellschaftliches Gleichgewicht aus als jedes Gender-Gesetz. Und was wäre die Weltpolitik ohne das Gezwitscher von Trump? Noch unberechenbarer. Ich bin kein Social-Media-Junkie, aber ich nutze die Medien regelmässig als Sozioradar und zur simplen Unterhaltung. Das gefällt mir und Milliarden anderen Menschen auch.

Was reizt uns so am scheinbar sozialen Netz, in dem häufig auch ein asozialer Shitstorm tobt? Wieso mutieren natürlich schöne Menschen zu einem bis zur Unkenntlichkeit gefilterten Schönwetter-Ich, das zwangsneurotisch glücklich ist? Warum stellen sogar intellektuell bevorzugte Superhirne sich dem Urteil schwarmdummer, auf Profit programmierter Algorithmen?

Illustration: Corina Vögele

Weil Social Media das liefern, was der Mensch am liebsten hat: Aufmerksamkeit, Bestätigung und das Gefühl von Liebe. Aufmerksamkeit ist ein Glückshormonzuhälter. Likes sind eine Egodroge. Liebe ist die mächtigste Triebkraft. Via Social Media ist bzw. scheint dieses Trio allzeit in Nanosekunden verfügbar. Digitaler Dreisatz wider den Montagsblues geht so: «Keiner beachtet mich? Keiner lobt mich? Keiner mag mich?» Schnell ein Selfie machen. Fünf Minuten lang schönfiltern. Posten. Ein Lidschlag – und schon ist das Ergebnis da: Herzen. Daumen. Lächelnde Emojis. Egodusche! Glücksgefühle. Die Gewissheit: Ich werde geliebt. Und wie!

Diese Egomassage per Klick wirkt auf unser Belohnungszentrum wie ein Lottogewinn, ohne dass man gespielt hat. Deshalb fixt sie jeden an: junge und naive Menschen zuerst; Menschen mit nachweisbarem IQ und ernstzunehmendem Alter gleich danach. Likes sind Prozac für den digitalen Doppelgänger, der in Folge dauererregt ist (durch sich selbst) und sich dauerempört (über andere).

Aufmerksamkeit ist ein Glückshormonzuhälter. Likes sind eine Egodroge. Liebe ist die mächtigste Triebkraft. Via Social Media ist bzw. scheint dieses Trio allzeit in Nanosekunden verfügbar.

Endstufe: Social-Media-Inkontinenz. Das Internet-Ich exponiert sich ständig mehr und mehr. Das Gefühl für Privatheit, Scham und Intimsphäre nimmt zugunsten von Likes ab. Das digitale Ego wird gefallsüchtig und gunstheischend, manisch auf der Suche nach Erlösung, die es im Web (noch) nicht gibt. Gnade zeigen soziale Netzwerke höchstens durch die Nicht-Einführung des «Dislike»-Buttons. Der wäre für viele Klicktäter heilsam, hätte jedoch dasselbe Jobverlust-Potenzial wie ein «Gefällt mir».

Beispiel gefällig? In Düsseldorf eskalierte ein Streit um unbezahlte Überstunden bei der Feuerwehr auf Facebook: «Stell dir vor, das Rathaus brennt und der OB kommt nicht mehr raus», postete ein Feuerwehrmann. Neun seiner Kollegen drückten «Gefällt mir». Der Oberbürgermeister suspendierte alle zehn Feuerwehrmänner. Später nahm er die Suspendierung zurück, ein Eintrag in der Personalakte blieb.

Der Lebensgefährte der Social-Media-Inkontinenz ist FOMO, Akronym für «fear of missing out». Die Angst, etwas zu verpassen, ist Auslöser für ein panisches «sich im Sekundentakt vergewissern müssen, dass das eigene Facebook-, Twitter- oder LinkedIn-Profil noch intakt ist». Wer die Seiten der Netzwerke während der Arbeitszeit offen hat, erleidet einen massiven Konzentrationsverlust. Ständiger Social-Media-Konsum ist produktive Körperverletzung. Zuhause verhält es sich ähnlich. Jeder zweite Nutzer geht täglich mit Facebook ins Bett – möchte man fast anmerken: statt mit seinem Partner. Am Ende führt das Schein- statt Sein-Leben in Social Media gepaart mit der Angst, etwas zu verpassen, dazu, dass man das Einzige verpasst, was man garantiert nicht verpassen möchte: sein Leben. Like? Herzliches Beilike!

Anitra Eggler

startete ihre Kommunikationskarriere 1992 als Todesanzeigentexterin in Buenos Aires. Heute ist die Karlsruherin Bestseller-Autorin und eine der erfolgreichsten Vortragsrednerinnen im deutschsprachigen Raum. Bevor sie die Bühnen als «Digitaltherapeutin» und den Buchmarkt mit provokanten Titeln wie «E-Mail macht dumm, krank und arm» eroberte, war sie 13 24/7-Arbeitsjahre als Managerin von Medien- und Marketing-Start-ups in der Internetbranche erfolgreich.

www.anitra-eggler.com

Sie möchten Inspiration direkt in Ihre Inbox?

In unserem E-Mail-Newsletter erhalten Sie monatlich die neuesten Trends, spannende Hintergrundinfos und hilfreiche Tipps für Ihren Geschäftserfolg.

Anmeldung