Medienexperte Schneider

«Es gibt ja schliesslich so etwas wie gesunden Menschenverstand»

Für den bekannten Medienexperten, Psychoanalytiker und Satiriker Peter Schneider sind die viel diskutierten «Bubbles» wohl eine Gefahr, aber kein Kampfbegriff – und vor allem kein ausschliessliches Onlinephänomen. Ein Gespräch über Fake News als Ausrede, Faktenchecks und naive Wahrheitsbegriffe.

Er produziert von Berufes wegen als Satiriker des Öfteren Fake News und fällt aber selber selten auf sie herein: der Medienexperte Peter Schneider. Bild: Peter Hauser

In Ihrer Funktion als Satiriker verbreiten Sie von Berufs wegen Fake News. Wurden Sie auch schon zu wörtlich genommen?

Nicht oft. Dort wo ich mit Mittel der parodistischen Nachahmung als satirischem Stilmittel arbeite, passiert es allerdings tatsächlich manchmal, dass jemand einen Text als Nachrichtenmeldung liest oder als ernstgemeinte Meinungskundgabe und dann entsprechend bestätigend oder auch empört darauf reagiert. Das ist seinerseits natürlich komisch, aber auch deprimierend.

Fake News sind heute Teil unseres Sprachgebrauchs. Wie aktuell ist das Phänomen tatsächlich?

Ganz neu ist ja selten mal etwas, und Falschmeldungen und Zeitungsenten gehören zur Geschichte der Medien. Durch die Möglichkeiten des Internets ist allerdings die Chance weit grösser und vor allem unkontrollierbarer, dass sich Fake News nahezu unkorrigierbar verbreiten.

Sind Sie schon auf Fake News hereingefallen?

Nicht, dass ich mich erinnern könnte. Was für die Qualität der Fake News spricht, auf die ich hereingefallen bin.

«Fake News oder nicht?» Das wollten wir von Peter Schneider wissen und haben ihn nach dem Interview noch zum Faktencheck geladen. Wie er sich geschlagen hat, sehen Sie hier im Video.

Die Auflagen klassischer Medien sinken stetig. Und sie haben stark an Glaubwürdigkeit eingebüsst. Sehen Sie da einen Zusammenhang?

Dass die Auflagen sinken, hängt natürlich damit zusammen, dass man sich mittlerweile in einem gar nicht schlechten Umfang über online auf- und verbreitete Informationen orientieren kann. Fast alle Zeitungen bieten eine Auswahl ihrer Artikel kostenlos an. Und selbst passionierte Zeitungsleser lesen sie kaum vom ersten bis zum letzten Buchstaben. Der Verlust einer abonnierten Tageszeitung ist also nicht so gravierend, dass er einem sogleich ins Auge sticht. Und darum ist es keineswegs mehr selbstverständlich, dass zum Erwachsenwerden ein Zeitungsabo dazugehört wie der Führerschein. Mit der sinkenden Auflage schwinden natürlich die Einnahmen und das bedroht die Qualität und damit die Glaubwürdigkeit.


Falschmeldungen und Zeitungsenten gehören zur Geschichte der Medien. Durch die Möglichkeiten des Internets ist allerdings die Chance weit grösser und vor allem unkontrollierbarer, dass sich Fake News nahezu unkorrigierbar verbreiten.

Vor den Bundestagswahlen in Deutschland zeigte eine Untersuchung, dass sieben der zehn erfolgreichsten Artikel über Angela Merkel auf Facebook erfundene Geschichten sind. Fördern die sozialen Medien den Untergang des Qualitätsjournalismus?

Ich glaube, es gibt einen Loop zwischen sogenannten Qualitätsmedien und sozialen Medien, insofern, als dass soziale Medien in der Weiterverbreitung und Kommentierung von Nachrichten klassische Funktionen der Tagespresse übernehmen und dass – was man insbesondere bei den Gratiszeitungen sieht – die Printausgaben häufig ein beliebiges Sammelsurium aus den sozialen Medien und irgendwelchem Onlineklatsch darstellen. Dafür stehen nicht nur die Leserreporter, sondern auch die unzähligen Umfragen, doch bitte sein schönstes Foto von «Weissnichtwas» einzuschicken oder seine Erlebnisse bei Soundso zu erzählen. Die Leser werden eingespannt, den Lesestoff selbst zu erzeugen, den sie dann wiederum vorgesetzt bekommen.

In seiner täglichen Presseschau auf Radio SRF3 nimmt Peter Schneider das aktuelle Geschehen im In- und Ausland auf die Schippe. Bild: Peter Hauser

Als Reaktion auf Fake News lässt sich ein veritabler Wahrheitsboom feststellen: Neben den etablierten Medien will nun auch die Politik dagegen ankämpfen und IT-Riesen wie Google und Facebook setzen verstärkt auf Faktenchecks. Was halten Sie davon?

Man muss aufpassen, dass man in der Abwehr von Fake News nun nicht wieder einem naiven Wahrheitsbegriff aufsitzt, so wie die Demonstranten des «March for Science»* (mit Wissenschaft gegen Fake News). Dort zeigte sich nämlich ein eher einfältiges Verständnis von Wissenschaften: Die produzieren ja nicht jenseits der Interpretation von Daten unmittelbar Wahrheit. Dasselbe gilt für den «reinen» Nachrichtenjournalismus. Man sollte nicht einen eigentlich schon überwundenen Glauben in mediale Darstellungen wiederbeleben. Faktenchecks sind genauso Interpretationen wie ein Zeitungskommentar.

Auf Social Media werden Informationen von einem Algorithmus ausgewählt. Sprich: Wir erhalten auf unser psychologisches Profil zugeschnittene «Wahrheiten» und laufen Gefahr, in einer «Bubble» zu landen. Wie gefährlich ist diese Entwicklung?

Ich glaube schon, dass darin eine Gefahr liegt. Allerdings muss man jetzt nicht so tun, als wenn ein Zeitungsabonnement nicht auch in gewisser Weise Teil einer FAZ- oder NZZ- oder Financial Times-Bubble wäre. Man muss also aufpassen, dass man aus der Bubble jetzt nicht einen Kampfbegriff macht, zumal hier nur etwas verstärkt wird, was prinzipiell auch ohne Internet geht. So wie man sich beispielsweise bei Orell Füssli nur an bestimmten Regalen bedient.

Sind Personen wie Donald Trump tatsächlich davon überzeugt, dass nur sie recht haben? Oder ist das die Folge davon, dass sie in einer Bubble leben?

Ich glaube, dass Dummheit es leichter macht, keine Zweifel zu haben. Denn die Dummen sind ja meist nicht die, die wenig wissen, sondern meinen, ihr bescheidenes Halbwissen reiche völlig zur Welterklärung aus.

Auch die Wissenschaft produziert nicht jenseits der Interpretation von Daten unmittelbar Wahrheit. Faktenchecks sind genauso Interpretationen wie ein Zeitungskommentar.

Was für einen Einfluss hat die Debatte um Fake News auf die Wahrnehmung der Menschen? Glauben wir bald gar nichts mehr oder nur noch, was uns nützt? Frei nach dem Motto: Wahr ist, was wir glauben?

Ich glaube, die Debatte um Fake News hat uns medienkritischer gemacht. Dass wir gar nichts mehr glauben, glaube ich nicht. Man muss aufpassen, dass man die berechtigte Sorge um Fake News nicht als Ausrede nimmt, alles, was einem nicht passt, von vornherein abzulehnen.

Wie können wir überhaupt noch zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden?

Unsere Fähigkeit zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden, ist meiner Meinung nach gar nicht gross beeinträchtigt. Zu jeder Quellennutzung gehört Quellenkritik. Man sollte wissen, dass die neuste Ausgabe von «Erwachet» einen anderen Anspruch hat, als die neuste «FAZ», und dass «20 Minuten» nicht «Die Zeit» ist oder dass ein Enkel, den man nicht kennt, vielleicht gar kein Enkel ist. Es gibt ja schliesslich so etwas wie gesunden Menschverstand. Dessen Reichweite ist allerdings begrenzt. In der Quantenphysik funktioniert er nicht unbedingt.

Interessengesteuerte Manipulation versus objektive Berichterstattung: Gibt es die absolute Wahrheit?

Ich glaube, man braucht nicht den Begriff der absoluten Wahrheit, um eine interessengesteuerte Manipulation von einer sachlichen, wahrheitsgemässen Berichterstattung unterscheiden zu können. Es steht selbst in der «Bild» nicht nur einfach falsches Zeug drin. Man kann aber schlecht seine politischen Informationen 1:1 aus der «Bild» beziehen. Darum haben gewisse Medien ein besonders grosses Renommee, nämlich dann, wenn sie a) Relevantes enthalten, b) ein breites Spektrum bedienen und c) das sachangemessen darstellen.

Bild: Peter Hauser

Es geht auch um Ethik, Daten- und Persönlichkeitsschutz, um nur einige Stichworte zu nennen. Gibt es den «mündigen» Bürger?

Den mündigen Bürger kann es in vielen dieser Dinge gar nicht geben, weil mündig mit Daten umzugehen eine Tätigkeit wäre, die einen Arbeitstag füllt. Jedes seiner 30 Passwörter alle naselang zu ändern, aber keines davon aufzuschreiben – das würde ein mündiger Bürger tun. Die Vorstellung, dass wir das leisten können, ist illusorisch. Das ist so, wie wenn jeder eine Lehre als Automechaniker machen müsste, um den Führerschein zu machen. Alltagspraktisch völlig unsinnig. Ich muss mich – in gewissem Umfang – auf die Medien verlassen, ihnen vertrauen können. Dieses Vertrauen zerstören Zeitungen, die Nachrichten verbreiten, als wären sie die «Glückspost».

Ist das Phänomen Fake News auch in ihrer Arbeit als Psychoanalytiker ein Thema?

Nein, denn Alltagskommunikation setzt immer eine hohes Mass an Vertrauen voraus, sonst funktioniert sie gar nicht. Was dann eben dazu führt, dass solche Betrüge wie Enkeltrickbetrüge funktionieren. Weil man sich nicht vorstellen kann, dass sich jemand als Enkel ausgibt, obwohl er es gar nicht ist. Wenn man so misstrauisch wäre, dass man auf so etwas nicht mehr reinfällt, wäre man nicht nur einsam, sondern könnte im Alltag nicht mehr funktionieren. Nur schon eine Bankomatkarte in den Automaten zu stecken ginge nicht, denn es könnte ja sein, das sie nicht mehr rauskommt.

Abschliessend: Wagen Sie bitte für uns einen Blick in die Zukunft

Der Witz von Zukunftsprognosen ist, dass sie sich nicht machen lassen. Zumal wir es hier auch mit technischen Entwicklungen zu tun haben, die ziemlich beschleunigt sind. Und am schlechtesten lassen sich richtige Änderungen voraussagen, weil die ja gerade das Überraschende sind. Fazit: Es geht so weiter wie bisher – mit ein paar Änderungen.

Peter Schneider studierte Philosophie, Germanistik und Psychologie. Er lebt und arbeitet in Zürich als Psychoanalytiker und lehrt an den Universitäten Zürich und Bremen. Ausserdem ist er Satiriker (SRF3 und Sonntagszeitung) und Kolumnist (Tagesanzeiger und Bund).

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