Authentische Führungskommunikation



Sprachnavigation

Authentisch kommunizieren und führen

Viele erfolgreiche Unternehmen zeichnen sich durch ihre Authentizität und Glaubwürdigkeit aus. Dazu braucht es Vorgesetzte, die diese Echtheit leben und ihre Mitarbeitenden entsprechend führen. Die ehemalige Tagesschaumoderatorin Beatrice Müller und der Arbeitspsychologe Christoph Clases verraten, wie das geht.

Eine Frau präsentiert vor einer Gruppe von Mitarbeitern.
Bild: xx

Es ist Montagmorgen, 9 Uhr. Der Teamleiter Werner Meier betritt das Sitzungszimmer und murmelt «Grüezi miteinander», während er seine Unterlagen auf dem Tisch ordnet. «Das ist ein klassisches Beispiel für einen fatalen Kommunikationsfehler», sagt Beatrice Müller, die heute als Kommunikationstrainerin arbeitet. «Authentische Kommunikation heisst, dass sich eine Person klar ausdrückt und zu hundert Prozent hinter dem steht, was sie sagt.» Wer nun vergessen habe, was ein Gruss bedeute, kommuniziere weder authentisch noch glaubwürdig. «Eine Begrüssung ist ein Zeichen von Respekt und Wertschätzung. Damit diese Botschaft bei Ihrem Gegenüber ankommt, müssen Sie einen Draht zu ihm aufbauen: Blicken Sie ihm in die Augen, seien Sie körperlich und geistig präsent», erklärt Müller.

Worum es wirklich geht

Was braucht es also, damit eine authentische und glaubwürdige Rede, Präsentation oder Sitzung nicht schon bei der Begrüssung scheitert? «Harte Arbeit und gute Vorbereitung», bringt es Müller auf den Punkt. So beginne ein gelungener Auftritt nicht mit dem ersten Satz auf der Bühne, sondern schon viel früher: bei der Definition des Inhalts.

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. «Ich staune immer wieder, wie viele hochqualifizierte Führungskräfte völlig unfokussierte und inhaltslose Referate halten», führt Müller aus. Ein gutes Referat sei keine Anhäufung von Informationen, sondern eine emotionale und bildhafte Vermittlung von wenigen Kernbotschaften.

Ein gutes Referat basiert inhaltlich auf einigen wenigen Kernbotschaften.

Beatrice Müller

«Eine Kernbotschaft auszuarbeiten ist schwere Arbeit, die oft unterschätzt wird», sagt Müller und erklärt dies an einem Beispiel: Die Geschäftsleitung eines KMU möchte den Mitarbeitenden die Quartalszahlen präsentieren. «Die Aufgabe der Geschäftsleitung ist es, die Ergebnisse einzuordnen und dem Publikum zu erklären, was sie bedeuten. Die Zahlen einfach vorzulesen bringt nichts, das können die Zuhörer auch in Ruhe zu Hause.»

Was bleibt, ist das Gefühl

Das Hörverständnis ist – im Gegensatz zum Leseverständnis – klein. Damit die Kernbotschaften beim Publikum hängenbleiben, müssen sie nicht nur verständlich heruntergebrochen, sondern vor allem auch mit Bildern erklärt und mit Emotionen verknüpft werden. «Es gibt eine schöne Zusammenfassung für die Wirkung von Reden: Die Leute werden vergessen, was man sagt, sie werden vergessen, was man auf einer Bühne macht. Aber sie werden das Gefühl nicht vergessen, das sie beim Zuhören hatten», erklärt Müller. Das sei in einem TV-Interview genau so wie in der Werbung: Die inhaltliche Essenz brauche die passende Verpackung, damit sie ein Gefühl auslösen und somit ihre Wirkung entfalten könne.

Die ehemalige TV-Moderatorin Beatrice Müller präsentiert vor einem Publikum.
Sie weiss, wie sie ihr Publikum begeistern kann: Beatrice Müller moderierte 16 Jahre lang die Tagesschau des Schweizer Fernsehens. Bild: zVg

Doch wie nun die Quartalszahlen authentisch mit Emotionen verbinden? «Wenn ich Ihnen sage, der Gewinn meines Unternehmens sei angestiegen, nicken Sie erfreut. Aber zwei Sekunden später haben Sie vergessen, was ich Ihnen gesagt habe. Das ist weder wirkungsvoll noch authentisch. Ich muss Ihnen in treffenden und gerne auch persönlichen Worten erklären, wie mein Unternehmen zu diesem positiven Ergebnis kam. Welche Leistungen, Entscheidungen und Entbehrungen stecken dahinter?» Gelinge dies, werde die Echtheit und Glaubwürdigkeit eines Unternehmens und seiner Führung sicht- und fühlbar, so Müller.

Auftreten ist wie flirten

Die Wirkung einer Botschaft hängt zu über 90 Prozent von der nonverbalen Kommunikation und der Stimme ab. Zum überzeugenden Referat gehört deshalb das passende Outfit: «Das Auge hört mit. Und es reagiert besonders stark auf Aussergewöhnliches. Alle auffälligen Äusserlichkeiten lenken vom Inhalt ab», sagt Müller. Es gilt: Finger weg von knalligen Farben, extravaganten Accessoires und wilden Mustern.

Der überzeugende Auftritt erfordert Selbstbewusstsein, Fokussierung und Authentizität.

Beatrice Müller

Ob Teamsitzung, Kundengespräch oder Medienkonferenz: «Sie müssen Ihre Zuhörer in den ersten Sekunden für sich gewinnen. ‹Auftreten heisst flirten mit Vielen›», zitiert Müller. Deshalb seien der Augenkontakt, die klare Ausdrucksweise, die Haltung und auch das Training der Stimme und der Sprechweise so wichtig. «Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem Saal mit 400 Leuten. Ihre Aufgabe ist es, dass sich jeder persönlich angesprochen fühlt. Dazu müssen Sie selbstbewusst, fokussiert und authentisch auftreten.»

Die letzte Chance für den bleibenden Eindruck ist der Abschluss einer Sitzung oder Präsentation: «Fassen Sie Ihre Kernbotschaften noch einmal zusammen, und achten Sie auf Ihre Haltung – nicht bis zum letzten Satz, sondern bis Sie wirklich ausser Sichtweite sind», hält Müller fest.

Authentizität ist ein Führungsinstrument

Auch der beste interne oder externe Auftritt verliert seine Wirkung, wenn er die Ausnahme und nicht die Regel ist. Authentische Kommunikation muss zum Führungsstil dazugehören und von Führungspersonen täglich gelebt werden.

Portrait des Unternehmensberaters und Organisationspsychologen Prof. Dr. Christoph Clases.
Christoph Clases lehrt und forscht an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Bild: zVg

Der Unternehmensberater und Organisationspsychologe Prof. Dr. Christoph Clases erklärt: «Authentische Kommunikation in der Führung bedeutet, dass sich eine Führungskraft innerhalb ihrer Rolle für sich und andere stimmig verhält. Sie findet also einen Weg, die Rolle des Vorgesetzten so zu gestalten, dass sie diese mit ihren persönlichen Werten und Einstellungen vereinbaren kann. Dabei muss sie sehr wohl die Erwartungen des Umfelds in die Gestaltung ihrer Führungsarbeit einbeziehen, darf sich jedoch nicht zum Spielball eben dieser Erwartungen machen.»

Orientierung ist Chefsache

Um beim Beispiel zu bleiben: Die Quartalszahlen zu verstehen, einzuordnen und ihre Bedeutung den Mitarbeitenden oder Partnern zu vermitteln, ist Chefsache. Führungskräfte müssen Klarheit schaffen, Orientierung geben und Perspektiven aufzeigen. Das gilt für den Alltag genauso wie für den Krisenfall. «Authentische Vorgesetzte schaffen es, auch in Phasen grosser Unsicherheit, etwa bei Restrukturierungen innerhalb eines Unternehmens, offensiv sowohl die Dinge zu benennen, die klar sind, als auch jene, die noch nicht geklärt sind», sagt Clases.

Verbindlichkeit und Verlässlichkeit sind genauso wie die Authentizität die Basis für Glaubwürdigkeit.

Christoph Clases

Es sei wichtig, klar auszusprechen, für welche Fragen noch keine Antworten gefunden wurden. «Geben Sie keine falschen Versprechen ab, aber zeigen Sie auf, wie Sie zu einer Lösung kommen möchten», fasst Clases zusammen. Denn: «Verbindlichkeit und Verlässlichkeit sind genauso wie die Authentizität die Basis für Glaubwürdigkeit. Phasen der Unsicherheit zeigen nicht notwendigerweise Schwächen der Führung auf, sondern charakterisieren Momente, in denen Ergebnisoffenheit besteht und eine zu frühe Festlegung aus vielerlei Gründen zumindest problematisch, wenn nicht gar geschäftsschädigend, wäre.»

Falsch verstandene Echtheit schadet

Authentizität in der Führung bedeutet jedoch sicher nicht bedingungslose Offenheit. «Authentische Kommunikation heisst nicht, dass Sie jederzeit offen sagen, was Sie denken und Ihr Innerstes nach aussen tragen», präzisiert Clases. Es geht vielmehr um die Fähigkeit, Inhalt, Zeitpunkt und Adressaten einer Kommunikation bewusst aufeinander abzustimmen.

Und eine überzeugende Führungskraft verfügt über eine weitere wichtige Kompetenz: «Sie kann gut zuhören und abschätzen, wie ihre Botschaft beim Gegenüber ankommt. Denn in der Führungskommunikation ist die Absicht immer zweitrangig; es geht um die Wirkung einer Kommunikation. Falsch verstandene ‹Echtheit› kann viel Schaden anrichten, persönlich wie geschäftlich», sagt Clases.

Mit diesem Bewusstsein betritt Teamleiter Werner Meier nächsten Montag in aufrechter Körperhaltung das Sitzungszimmer. Seine Unterlagen liegen vorbereitet auf dem Tisch. Er sucht den Blickkontakt und begrüsst sein Team mit einem herzlichen «Grüezi miteinander» – eine authentische, glaubwürdige und seiner Rolle als Führungsperson entsprechende Begrüssung.

Beatrice Müller arbeitete während 25 Jahren in verschiedenen Funktionen beim SRF. Unter anderem moderierte sie die Tagesschau und war als Redaktorin und Reporterin im Einsatz. Heute arbeitet sie als selbstständige Kommunikationsberaterin, Moderatorin und Referentin.

Prof. Dr. Christoph Clases ist Arbeits- und Organisationspsychologe. Er lehrt und forscht an der Hochschule für Angewandte Psychologie der FHNW, an deren Aufbau er als Institutsleiter von 2004 bis 2010 beteiligt war. Er ist seit 2009 Partner der AOC Unternehmensberatung und unterstützt als Kooperationspartner persönliche und unternehmerische Entwicklungs- und Wachstumsprozesse.

Buchtipp: Gut gebrüllt, Löwe! Von Beatrice Müller.
Buchtipp: TED Talks: Die Kunst der öffentlichen Rede
Buchtipp: Beatrice Müller: Gut gebrüllt, Löwe! 2015
Buchtipp: Christ Anderson: TED Talks: Die Kunst der öffentlichen Rede 2017

Lesen Sie im Listicle unsere zehn Tipps für einen authentischen Auftritt.

Sie möchten Inspiration direkt in Ihrer Inbox?

In unserem E-Mail-Newsletter erhalten Sie monatlich die neuesten Trends, spannende Hintergrundinfos und hilfreiche Tipps für Ihren Geschäftserfolg.

Jetzt gratis abonnieren